Im Osten nichts Neues

11. März 2015. Vierter Jahrestag der Dreifachkatastrophe in Japan: Erdbeben, Tsunami, Kernschmelze in Fukushima. Fast zwanzigtausend Tote. Die Erinnerung daran wird zum Ritual und Selbstvergewisserung. Gut, daß wir Deutschen den Atomausstieg unumkehrbar auf den Weg gebracht haben. In den Nachrichten und Kommentaren auch nach vier Jahren das übliche: Tepco hat das Ganze nicht im Griff, ein Gebiet so groß wie der Bodensee ist immer noch Sperrzone, über Hunderttausend Menschen leben immer noch in Behelfsunterkünften, und hunderte Tonnen radioaktives Wasser fließen täglich in den Pazifik. Gut, daß Japan so weit weg ist.

Und doch, eine leichte Akzentverschiebung: Selbst die Leitmedien ( die öffentlichen Rundfunkanstalten, die großen Tageszeitungen) erwähnen gelegentlich mal so im Nebensatz, daß die ganze Reaktorkatastrophe bis jetzt keine Menschenopfer gefordert hat. Keine Strahlenkranke, keine Tote.  Zyniker sprechen inzwischen sogar von einem „Glücksfall“  statt „Unglücksfall“. Bereits vor einem Jahr schrieb die FAZ: Die in Fukushima freigewordene Strahlung hatte und hat keine nachweisbaren Gesundheitsfolgen. Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/strahlenbelastung-in-fukushima-12882021.html

Interessant: Die Kommentare zu diesem Zeitungsartikel. Einfach nach „viel empfohlen“ sortieren!

Auch andere Redakteure  in der FAZ widmeten sich dem vierten Jahrestag: Die Kanzlerin verkauft die Atomwende als Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden. Tatsächlich war sie ein Machtmanöver der Extraklasse mit dem Zweck, Merkels Union die Chance zu öffnen, künftig auch mit den Grünen regieren zu können. Hier der volle Text:http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kommentar-zum-atomausstieg-vier-jahre-danach-13477677.html

Der FAZ-Bericht über die Strahlenbelastung lag auf der Linie des vollständigen Berichts der Weltgesundheitsorganisation, der im April 2014 veröffentlicht wurde. Aus dem Text (Seite 88):

No acute health effects (i.e. acute radiation syndrome or other deterministic effects) had been observed among the workers and the general public that could be attributed to radiation exposure from the accident.

Und auch in Zukunft ist nicht viel mehr zu erwarten. Auf derselben Seite:

Risks for stochastic health effects (such as cancer) are reasonably well quantified for doses that are considerably larger than those estimated for the vast majority of the people (public and workers) irradiated due to the accident.

http://www.unscear.org/docs/reports/2013/14-06336_Report_2013_Annex_A_Ebook_website.pdf

Der Kurzreport (vier Seiten)  findet sich hier: http://www.unscear.org/docs/Factsheet_E_V1406112_ebook.pdf

Die Texte dieser UNO-Organisation sind leider nie ins Deutsche übersetzt worden:

  Fact sheet on UNSCEAR Fukushima Report: [ Arabic] [ Chinese] [ English] [ French]
 [ Russian] [ Spanish] [ Japanese] 
 Short film on the UNSCEAR 2013 Report: [ English] [ Japanese (with English subtitles)]

Aber ich bin ja lernwillig. So schrieb ich am 19.12.2014 an Greenpeace:

 Herrn Thomas Breuer

c/o Greenpeace e.V.

Hongkongstr. 10

 20457 Hamburg 

 Betr.: Bitte um Information über Fukushima

          Ihr Schreiben vom November 2014 /  Föderernummer xxxxxxx

 Sehr geehrter Herr Breuer,

 Sie haben mich vor einigen Tagen im Namen von Greenpeace  in  einem Spendenaufruf angeschrieben. Ihre Formulierung lautet: „Die Katastrophe von Fukushima ist auch nach dreieinhalb Jahren noch nicht vorbei.“

 Ich bin seit  Jahrzehnten  Fördermitglied von Greenpeace. Meine Föderernummer ist xxxxxx. Insbesondere die Kampagnen zum Schutz der Wale und gegen Treibnetzfischerei habe ich mitgetragen und durch Spenden unterstützt. In diesen Zusammenhang fühlte ich mich durch Ihre Organisation stets gut durch das entsprechende Zahlenmaterial informiert. Insbesondere was die Größe und Gefährdung von Populationen, Fangquoten usw. im Zeitreihenvergleich anbetraf.

 Zum Thema Fukushima hingegen fühle ich mich nicht hinreichend informiert. Ich bitte Sie daher um die Beantwortung der folgenden Fragen:

 Wieviele Todesopfer sind bisher durch ausgetretene radioaktive Strahlung in Fukushima zu beklagen?

  1. Welche und wieviele Erkrankungen lassen sich ursächlich auf ausgetretene radioaktive Strahlung zurückführen? (Hierbei wären auch statistische Zeitreihenvergleiche mit nicht betroffenen Regionen hilfreich)
  2. Was wird an künftigen Erkrankungen/Todesfällen in der Region Fukushima prognostiziert? Der Bericht der Weltgesundheitsorganisation scheint mir eher zurückhaltend: http://www.who.int/ionizing_radiation/pub_meet/fukushima_risk_assessment_2013/en/

 Ein Hinweis, wo ich die Antwort auf diese Fragen erhalten kann, würde mir genügen.

 Hier die Antwort von Greenpeace:

 Guten Tag Herr Ulrich,

 vielen Dank für Ihr Interesse an den Entwicklungen in Fukushima.

Tatsächlich können wir Ihre Fragen nicht im Detail beantworten. Ob die Art der Erkrankung und Todesursache als Folge erhöhter radioaktiver Strahlung im konkreten Zusammenhang mit dem Atomunglück besteht, ist nicht exakt nachweisbar – vor allem wenn es sich um Krebserkrankungen und genetische Schäden handelt. Verlässliche Bewertungen sind derzeit leider noch nicht möglich und es ist fragbar, ob dies jemals möglich sein wird.

 Im April 2014 haben wir unsere Kritik am UNSCEAR-Bericht veröffentlicht. Diesen finden Sie hier:  https://www.greenpeace.de/themen/un-verharmlost-fukushima-folgen

 Unsere letzten Messungen vor Ort im November 2014 ergaben, dass die Strahlenwerte nach wie vor viel zu hoch sind: http://www.greenpeace.de/themen/energiewende-atomkraft/atomunfaelle/vollkommen-verantwortungslos

 2012 wurde von Greenpeace International ein Bericht veröffentlicht, der sich mit den Lehren, die aus Fukushima gezogen werden sollten, beschäftigt:  http://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/20120228-Lehren-aus-Fukushima-Greenpeace.pdf

 Zu den Wirkungen und Risiken radioaktiver Strahlung auf den menschlichen Organismus im Allgemeinen finden Sie über das Bundesamt für Strahlenschutz weiterführende Informationen:  http://www.bfs.de/de/ion/Wirkungen

 Wir können Ihnen folgende Internetseite empfehlen. Hier finden Sie aktuelle Informationen aus und über Fukushima:  http://www.spreadnews.de/category/fukushima/

 Im Jahr 2006 haben wir den „Gesundheitsreport – Tschernobyl“ veröffentlicht. Wir haben hier verschiedene Studien zu den Folgen der Tschernobylkatastrophe gesichtet und zusammengestellt.  Hier erhalten Sie Informationen über unsere Einschätzung der Situation vor Ort:   http://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/tschernobyl_gesundheitsreport_kf_2006_0.pdf

 Wir hoffen, dass wir Ihnen mit diesen Materialien hinreichende Informationen liefern können und grüßen Sie herzlich von der Elbe.

  Rebecca C.  Team Informations- und Fördererservice

Mein Fazit: Viel Verpackung, aber leider keine Beantwortung meiner Fragen. Das wird schon im ersten Satz zugegeben: Tatsächlich können wir Ihre Fragen nicht im Detail beantworten.

Im Osten nichts Neues.

Euer

Bernd



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