Horst Arnold ist tot. Was bleibt?

Horst Arnold ist tot. Am 29. Juni verstarb er im Alter von gerade mal 52 Jahren auf offener Straße.  An diesem Freitag, dem 13. Juli, wird er zu Grabe getragen.

Wer erinnert sich noch? Es ist gerade mal ein Jahr her, da ging sein Fall durch die Presse als der unglaublichste

Der angebliche Vergewaltiger Horst Arnold mit seinem Anwalt Hartmut Lierow vor dem Landgericht Kassel © Michael Löwa/stern

Justizskandal der letzten Jahre. Wirkliche Gerechtigkeit ist ihm nicht widerfahren.  Denn der Studienrat Horst Arnold saß fünf Jahre unschuldig im Gefängnis. Für eine Tat, die er nie begangen und auch nie gestanden hat. Eine Kollegin, Heidi K., hatte ihn beschuldigt, er habe  sie mal schnell in der kleinen Pause mitten im Klassenzimmer der Schule  vergewaltigt. Seine  berufliche Karriere wurde vernichtet, seine Ehe zerbrach. Jahre später im zweiten Prozess wurde er dann wegen erwiesener Unschuld freigesprochen; das angebliche Opfer als notorische Lügnerin entlarvt. Trotzdem  wurde er nicht wieder in den Schuldienst aufgenommen. Bis zu seinem Tod  lebte er von Hartz IV.  Sein Antrag auf Haftentschädigung wurde nicht bearbeitet. Die Frau, die sein Leben ruinierte, wurde  gerichtlich nicht belangt. Sie genießt weiterhin  Bezüge als stellvertretende Schuldirektorin.

 Alle großen Zeitungen (Stern, SpiegelFAZ etc) haben darüber berichtet. Auch Beckmann nahm sich im Ersten der Sache an. Hier die ganze unglaubliche Geschichte:  oder: http://www.mdr.de/brisant/unschuldig110.html

 Warum haben wir Horst Arnold so schnell vergessen? Ganz einfach: Er passt nicht in unser vorgefertigtes  Schema in unserem Schädel: Hier ein kräftiger, bulliger Mann, gerne dem Alkohol zugetan. Nicht gerade ein Sympathieträger. Dort eine zierliche, Mitleid heischende, hübsche Frau. Und doch ist sie die Täterin; er das Opfer. Und es ist dem blanken Zufall zu verdanken, daß die ganze Sache doch noch ans Licht kam.

Szenenwechsel: Sebnitz, im Jahre 2000. Wer erinnert sich noch? Dort soll ein ganzes Dorf tatenlos zugesehen haben, wie eine Gruppe Neonazis einen Kind ertränkt haben. So schaurig gruselig, das musste doch einfach wahr sein?!  Fünf Tage lang hielt diese Story die Republik in Atem. Hier der Almanach, was sich wirklich zugetragen hat im Spiegel.  Und unser Medienkanzler Gerd Schröder (Zitat: Um Wahlen zu gewinnen, brauche ich nur Bild und die Glotze) ließ es sich nicht nehmen, der Mutter des vermeintlichen Opfers öffentlichkeitswirksam seine Aufwartung zu machen. Es war die Erfindung einer psychisch kranken Mutter, die es fast eine ganze Woche lang schaffte die Medien und ihr Publikum in die Irre zu führen.

Weiter zurück in die Vergangenheit: 1994 schreibt der bekannte Fernsehjournalist und Tagesthemenmoderator Ulrich Wickert in seinem Buch: Der Ehrliche ist der Dumme auf Seite 21: Im Frühjahr 1994 wurde eine Gruppe von zwanzig Männern und Frauen im mittelfränkischen Flachslanden wegen Kinderschändung vor Gericht gestellt. Über Jahre hinweg hatten sie neun Kinder sexuell missbraucht. Die Eltern selbst hatten ihre Söhne und Töchter im Alter von zwei bis zwölf Jahren für brutale Orgien zur Verfügung gestellt. Und als bei einem Kindergeburtstag die Kleinen von Erwachsenen vergewaltigt wurden, hielten die Eltern den schreienden Opfern den Mund zu, damit die perversen Handlungen mit einer Videokamera aufgezeichnet werden konnten.

Was Ulrich Wickert zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Flachslanden wurde, ähnlich wie die bekannten Wormser Prozesse, zum Schulbuchbeispiel für miserable Ermittlungsarbeit. Es handelte sich überwiegend um reine Hirngespinste, von übereifrigen Kriminalbeamten und inkompetenten Psychologen den Kleinkindern quasi in den Mund gelegt.  Ein ganzer Ort und die Familien wurden unnötigerweise für viele Monate zu Parias der Gesellschaft; die  Kinder wurden  fortgenommen und kamen ins Heim. Die Eltern  mussten später darum kämpfen, trotz erwiesener Unschuld ihre Kinder wieder zu sich nach Hause holen zu können. –  Irgendwie hat mich dieser Fall schon damals an eine Lektüre aus meiner Schulzeit erinnert: Hexenjagd von Arthur Miller.  Die Schemata sind immer die gleichen.

 Warum fallen wir so gutgläubig auf diese Märchen herein? Und nicht nur wir, sondern auch Richter, Medienkanzler, Journalisten? Ganz einfach, weil wir es glauben wollen! Je absurder, desto glaubwürdiger! Hauptsache, es passt ins Schema unserer Vorurteile: Vergewaltiger, Neonazis, Pädophile. Die Reihe dieser  Beispiele könnte beliebig fortgesetzt werden.

 Und warum vergessen wir so schnell? Es ist uns peinlich, wenn wir uns geirrt haben. Wenn wir uns eingestehen müssen einer Lügengeschichte auf den Leim gegangen zu sein. Daran erinnern wir uns ungern, und irgendwann blendet unser Gedächtnis das Geschehen einfach aus. Es passt einfach nicht in unser erlerntes Denkmuster.

 Zurück zu Horst Arnold: Ihm wurde bitter Unrecht getan, bis zu seinem Tod, und zurück bleibt ein übler Nachgeschmack. Das Kultusministerium, das ihn nicht wieder einstellte. Die liebe Kollegin, die sein Leben ruiniert hat, die bis heute gerichtlich nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Denn es ist unserer Justiz peinlich, die eigenen Fehler aufzuarbeiten.  Irgendwie kommt uns das alles bekannt vor: Auch die  tausende Denunzianten der alten DDR, die der Stasi zugearbeitet hatten, wurden nie für das Unheil und Leid, welches sie über Nachbarn, Freunde, Mitmenschen gebracht haben, verurteilt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann genießen die Täter immer noch ihre staatlichen, häufig stattlichen Bezüge. So wie eben auch Heidi Külzer. Biologielehrerin und stellvertretende Schulrektorin.

Euer Bernd

Nachtrag im September 2013:

Heidi Külzer wurde vom Landgericht Darmstadt zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Sie hat gehen das Urteil Berufung eingelegt. Es ist somit noch nicht rechtskräftig.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/urteil-im-fall-horst-arnold-eine-erlogene-vergewaltigung-12572251.html

 



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