n-tv Berichterstattung über Fukushima: 6.12.2011

Im Dezember 2011 schrieb ich an die Redaktion von n-tv:

Liebe Freunde von der schreibenden Zunft,

war ja nicht ganz leicht herauszufinden, wer als Redaktion hinter n-tv.de steckt. Aber Google-sei Dank kein großes Problem: Nachrichtenmanufaktur GmbH, Berlin.  Das hört sich gut an. Etwa so wie „Königliche Porzellanmanufaktur Meißen“.

Erst mal ein Kompliment: Mehrmals täglich informiere ich mich bei n-tv.de über die aktuelle Nachrichtenlage. Aber am 3.12. habt Ihr mal wieder bei  der Berichterstattung über Fukushima den Vogel abgeschossen. Ist da doch der Aufmacher:

Nackte Angst in Fukushima:   Arbeiter erzählen

http://www.n-tv.de/panorama/Arbeiter-erzaehlen-vom-Katastrophentag-article4922666.html

Und im Untertitel:

Inneres Verglühen: Herr Ouchi stirbt den Strahlentod

 http://www.n-tv.de/leute/buecher/Herr-Ouchi-stirbt-den-Strahlentod-article4257746.html

Aha, denke ich, das erste Strahlenopfer in Fukushima? Reingefallen, das Ganze ist ein alter Hut aus dem letzten Jahrtausend! Damals ist nämlich der arme Kerl Opfer eines Unfalls geworden.

Und genau das ist das Problem für unseren Katastrophenjournalismus:  Da haben wir schon mal eine ordentliche Kernschmelze in drei oder vier Reaktoren und obendrein fliegen auch noch richtig schön spektakulär die Reaktorgebäude in die Luft. Besser könnte sich der Super-GAU  ja gar nicht in Szene setzen!  Und dann, wo bleiben die Personenschäden? Verdammt, Fehlanzeige! Nach einem dreiviertel Jahr immer noch keine Bilder von Strahlenkranken, glatzköpfigen Patienten, zu Grabe getragenen Opfern.  Und das ist doch der eigentliche journalistische Super-GAU! Da haben wir die schönste Erwartungshaltung,  geschürt durch eingängige Formulierungen wie etwa: Die Todgeweihten von Fukushima, die Samurai, die Kamikaze usw. Wir Deutschen schließen sogar zusammen mit drei anderen Zwergstaaten unsere Botschaft im entfernten Tokio! Das Auswärtige Amt rät von Reisen nach Japan ab! Und nun? Etwa nix?

Klar, zwischendurch werden wir vertröstet: Mal läuft zwei Arbeitern radioaktives Wasser in die Stiefel, dann stirbt mal einer am Herzinfarkt, dann kommt da drüben  sogar ein Karnickel ohne Ohren auf die verstrahlte Welt. Erinnert irgendwie an einen gefühlvollen deutschen Kinofilm. Und dann vor ein paar Wochen (17. November) der Schocker:

Nach Reaktorkatastrophe in Fukushima: Reis radioaktiv verseucht

 http://www.n-tv.de/panorama/Reis-radioaktiv-verseucht-article4794741.html

Mein Gott, die armen Japaner, jetzt auch nix mehr zu essen?

Tatsächlich: von mehreren hundert Proben lag eine  25% über dem zulässigen Grenzwert. Mein Tipp: Lasst den Beutel 10 Jahre liegen, dann ist die Radioaktivität soweit abgeklungen, daß   er sogar in Deutschland verzehrt werden kann. Wer es nicht glaubt kann ja mal nachrechnen. Kleiner Tipp: Halbwertzeit von Cäsium 137 beträgt 30 Jahre.

Das passt gut  zur nächsten Meldung drei Tage (14.November) vorher:

Reaktorkatastrophe in Fukushima: Cäsium verseucht Osten Japans

 http://www.n-tv.de/panorama/Caesium-verseucht-Osten-Japans-article4766196.html

Indessen  gibt es bestimmte Gazetten, die diese Nachricht etwas anders aufbereitet haben. So schreibt z.B. die FAZ desselben Tages mit Bezug auf die gleiche Quelle:

…. In der Präfektur Fukushima liege die Belastung knapp über dem staatlichen Grenzwert, in den an Fukushima angrenzenden Präfekturen Tochigi,  Miyagi und Ibaraki nur knapp darunter….

 Jetzt will ich es  aber genau wissen. Und nach kurzer Recherche  finde ich  den Originalartikel:

http://www.pnas.org/content/early/2011/11/11/1112058108.full.pdf+html?with-ds=yes

Und siehe da: Es handelt sich nicht etwa um neue spektakuläre Messungen,  sondern um die  Simulationsrechnung eines bestimmten meteorologischen Modells.

Der Artikel wurde im Juli 2011 verfasst und im Oktober 2011 vom Verlag angenommen. Und um dem ansonsten sehr wissenschaftlichem Artikel etwas mehr Aufmerksamkeit zu verleihen, konnten die japanischen Meteorologen nicht der Versuchung widerstehen, das Ganze im Vorwort etwas aufzupeppen:

The soils around Fukushima NPP and neighboring prefectures have been extensively contaminated with depositions of more than 100,000 and 10,000 MBq km-2, respectively.

 Glückliches Japan! Hoffen wir, daß diese Werte stimmen! Denn dann lägen die Messwerte  dort rund um Fukushima deutlich unter denen des bayerischen Waldes, wo man seit über 25 Jahren mit einer deutlich höheren Belastung lebt. So schreibt das irgendwelcher Sympathien für die Atomindustrie völlig unverdächtige  Umweltinstitut München:

Die mittlere Kontamination der Böden in ganz Bayern mit Gesamt-Cäsium betrug im Mai 1986 20.300 Becquerel pro Quadratmeter (Bq/m2). Die Werte reichten von unter der Nachweisgrenze bis über 173.000 Bq/m2. Heute beträgt die mittlere Cäsium-Aktivität der Böden in Südbayern noch etwa 15.000 Bq/m2, wobei ein Anteil von knapp 20 Prozent auf die

radioaktive Vorbelastung infolge der oberirdischen Atomwaffenversuche zurückgeht.

 Zitiert aus: http://umweltinstitut.org/download/umweltinstitut_pilze_und_wild.pdf

Mein Tipp für die “Nachrichtenmanufaktur”:  Man kann das Ganze rund  noch besser als Sensation aufpeppen, wenn wir die Anzahl der radioaktiven Atome  pro Kilo Reis oder qm Boden angeben. Lasst mal nachrechnen:  Wenn das Kilo Reis mit etwa 600 Becquerel  strahl, muß es über eine Billion Cäsium-Atome enthalten! Das gibt doch Schlagzeilen! In einem einzigen Kilo Reis mehr radioaktive Atome als Euros im Rettungsschirm!

In ein paar Tagen ist es 9 Monate her, daß Fukushima hoch ging. Aha, Ihr habt den gleichen Gedanken: Jetzt mal schnell mit den Kameras auf die Entbindungsstationen, wenn jetzt  die vielen durch Strahlung genetisch deformierten Babys zur Welt kommen!  Ich bin schon gespannt, was die Fotoreporter da abliefern werden. Oder liegen da schon ein paar Placebos als Reserve in den Schubladen? So wie der arme wiederbelebte Herr Ouchi? Oder statt Keinohrhasen diesmal die Riesendame ohne Unterleib?

Es gibt ja Leute, die behaupten felsenfest, daß die Japaner vieles geheim halten,  nur deshalb kriegen wir keine Strahlenopfer zu Gesicht. Ehrlich, ich kann da nicht so recht daran glauben. Denn da drüben gibt es mehr Foto-Handys als Einwohner. Da bleibt nichts unter der Decke.

Ein Trost bleibt: Die radioaktive Strahlung wirkt ja langfristig. Da wird bestimmt noch was kommen. So wie bei Tschernobyl vor einem Vierteljahrhundert. Wie viele Opfer gab es da eigentlich?   Schaut mal nach unter den UNO-Report:

http://www.unscear.org/docs/reports/2008/11-80076_Report_2008_Annex_D.pdf

Bayerischer Wald: Da beschleicht mich ein böser Verdacht: Bekanntlich haben ja da die Wildschweine bis zu hundertmal höhere Radioaktivität unter der Schwarte als gesetzlich erlaubt. Wer zählt  denn die strahlenkranken Säue da unten?  Sind am Ende unter den rosa Schweinchen, die im Schlachthof  angeliefert werden, auch ein paar verseuchte Keiler dabei, denen schlichtweg die Haare ausgefallen sind?  Das wäre doch eine Story für echten Enthüllungsjournalismus. Wallraff, streif schon mal den Metzgerkittel über!

Oder mal eine Alternative für die Nachrichtenmanufaktur:  Betrachtung über  Fukushima als deutsches Medienphänomen. Mit dem Strom schwimmen ist einfach. Erst gegen den Strom wird man zum Trendsetter.

Vielleicht  seid Ihr ja dann die ersten.

Mit adventlichen Grüßen

PS: Auf diesen Brief erfolgte keine Reaktion



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