Leserbrief zum Artikel RP vom 31.1.2011: Kriegsverherrlicher Gorch Fock

Sehr geehrte Damen und Herren,

Unter der dicken Überschrift: Kriegsverherrlicher Gorch Fock schreibt Ihr  Kommentator Lothar Schröder in der heutigen Ausgabe der RP über Johann Wilhelm Kinau: … Ein solcher Mann war ein gefundenes Fressen für die Nationalsozialisten und passte ausgezeichnet in das Schema ihrer Blut- und Bodenliteratur… und weiter, fast bedauernd:  Sicher, Kinau ist an der braunen Aneignung unschuldig …  Ja, Parteimitglied der NSDAP konnte er schwerlich sein. Starb er doch schon, als Adolf Hitler noch als Gefreiter durch Schützengräben kroch. In Kinaus (alias Gorch Focks) Hauptwerk: Seefahrt tut Not ist vom Krieg keine Rede. Und es handelt eher von Schiffsplanken denn von Blut- und Boden.

Der Brockhaus (17. Auflage) beschreibt Gorch Fock als „Humor- und gemütvollen Erzähler“. Aber vermutlich ist Lothar Schröder dem aktuellen Wiki-Eintrag aufgesessen: Die spätere Vereinnahmung seiner Werke durch die Nationalsozialisten führte dazu, dass der Autor als Kriegsverherrlicher und Wegbereiter des Nationalsozialismus wahrgenommen wurde. Dieser Wahrnehmung fiel auch der Kommentator zum Opfer indem er diese Zuschreibung in seine Überschrift nahm.  Aber der uns heute unverständliche Patriotismus vergangener Zeiten wird ja gern mit Kriegsverherrlichung verwechselt.

Nun, auch andere bereits verstorbene Deutsche mussten, um im Schröderschen Sprachgebrauch zu bleiben, sich braune Aneignung gefallen lassen: Etwa Peter Rosegger mit seinem autobiographischen Roman vom Waldbauernbuben, der sogar von den Nazis mit einer Sonderbriefmarke bedacht wurde, einer Ehre, die nicht mal Gorch Fock nicht zuteilwurde. Von den damaligen Machthabern auf diese Weise geehrt und vereinnahmt wurden neben Georg Friedrich Händel  auch Johann Sebastian Bach und Friedrich Schiller. Für letzteren wurde sogar eine Sondermünze geprägt mit der Randinschrift : Ans Vaterland ans Teure schließ dich an! Also, wenn das keine braune Propaganda ist! Stammt zwar aus Wilhelm Tell, könnte aber auch von Nazis sein.  Und da feiern wir noch 2005 unbefangen das Schillerjahr!

Lothar Schröder weiter: .. für ein Schiff, das als Symbol und Botschafter des Friedens die Weltmeere bereist, hätten sich unproblematisch viele andere Namensgeber finden können … Leider folgen hier im Artikel keine konkreten Vorschläge. Man könnte an Bertha von Suttner denken, aber die war ja Österreicherin. Meine Favoriten: Otto Walkes oder Hape Kerkeling. Die sind zumindest sowohl pränatal als auch postmortal vor jeder Vereinnahmung durch Nazis gefeit.  Aber wirklich stimmig im Sinne des aktuellen Zeitgeistes wäre eine neue Schiffstaufe auf den Namen SULTAN SELIM. Denn zum einen gehört ja der Islam zu Deutschland, wie uns erst neulich durch unser Staatsoberhaupt attestiert wurde. Und zum anderen gab es schon mal ein Schiff der kaiserlichen Marine, das auf diesen Namen umgetauft wurde. Somit wären auch die Traditionalisten befriedigt. Und die Journalisten sowieso.

So, jetzt googelt mal schön.

Mit freundlichen Grüßen

Bernd Ulrich

PS: Dieser Leserbrief wurde, wie alle anderen, von der RP nicht veröffentlicht



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