Die alte Zeder in Ratingen

im Poensgenpark hat es schwer: Man will ihr einfach den Garaus machen. Das veranlasste mich zu diesem Bittbrief an die Stadtoberen:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Ratsfrauen und Ratsherren,
liebe Mitbürgerinnen und Bürger,

 Meine Bitte: Lasst die alte Zeder am Leben!

 Die Zeder steht mit ihrer mächtigen Krone im herrlichen Grün. Von Krankheit sieht der unbefangene Betrachter keine Spur. Trotzig hielt sie den Stürmen der letzten Jahre, die manch anderen Baum zum Verhängnis wurden, stand.  Der Name Atlas-Zeder macht ihr zu Recht alle Ehre.

Und nun soll sie gefällt werden? Angeblich todkrank und eine Gefahr? Ein Pilz soll in ihrem Innern nagen?

 

In meiner zweiten Heimat, im bayerischen Oberland,  gibt es beim Kloster Wessobrunn die tausendjährige Tassilolinde.  Das Innere ist seit Jahrhunderten durch Pilzbefall verfault, im hohlen Stamm können inzwischen vier Erwachsene nebeneinander bequem Platz nehmen. Aber der Baum lebt, trägt jedes Jahr frisches Blattwerk und wächst weiter in die Breite.  Kein bayerische Forstmann  käme auch nur im entferntesten auf die Idee, diesem Naturdenkmal mit der Motorsäge zu Leibe zu rücken. Dabei führen die Spazierwege der Ausflügler direkt zu den Baum. Aber die alte Linde hat Glück: Statt im bergischen Angerland ist sie im bayerischen Oberland fest verwurzelt. Und sie hat gute Aussichten auch noch die nächsten Jahrhunderte zu überleben.

In meinem Wald gibt es eine Reihe mächtiger Fichten, deren Stamminneres seit Jahrzehnten durch Rotfäulepilze  zersetzt wird. Diese Fichten stehen immer noch aufrecht und haben, so wie die Zeder, schon manchem Sturm überstanden.  Die simple Erklärung: Die Festigkeit eines zylindrischen Körpers, zu dem im weiteren Sinne auch ein Baumstamm gezählt werden kann, wir durch die äußere Struktur vorgegeben. Das Innere ist überflüssig. Anschauliches Beispiel für dieses physikalische Prinzip sind Bohrinseln, die auf Röhren stehen, Windräder oder in der Natur Bambus, Schilf oder Strohhalme.  Und die Bäume wissen sich gegen Pilzbefall zu wehren: Sie wachsen einfach weiter in die Breite und verstärken somit ihre Basis.

 Selbst wenn die Zeder fällt, sei es in zwei, zwanzig oder zweihundert Jahren: Das Gefahrenpotential ist minimal. Die Spazierwege führen in einigem Abstand am Stamm vorbei. Die Fallrichtung ist durch die Neigung der Stammes zur Nord-West-Seite bereits vorgegeben. Und die mächtige Krone, deren weitausragende Äste  schon beinahe den Boden berühren, wird im Fall des Falles den Sturz abfedern.

 Jenen „Experten“ , die mit ziemlicher Sicherheit das Umstürzen der Zeder innerhalb der nächsten zwei Jahre vorhersagen, biete ich einfach eine Wette dagegen an. Das auf diese Weise leicht verdiente Geld würde ich nicht für mich behalten wollen. Ich spende es zweckgebunden der Stadt Ratingen. Ist das ein Angebot?

 Mein innigster Wunsch: Lasst die alte Zeder endlich in Ruhe! Quält sie nicht länger mit Bohrungen, Ultraschall, Tomographie  oder sonstigen Zumutungen. Und wenn sie fällt, na und? Bei orkanartigen Stürmen, die der Zeder gefährlich werden könnten,  geht ohnehin niemand im Pönsgenpark spazieren. Und die Wahrscheinlichkeit, daß die Zeder am helllichten Tag bei schönen Wetter und nur lauem Lüftchen einfach so umfällt dürfte etwa in gleicher Größenordnung liegen wie ein Meteoriteneinschlag auf der Rathausbaustelle.

 Mit freundlichen Grüßen, Ihr

 Bernd Ulrich